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Max by
11 Feb 2016 um 12:58

Valérie Vuillerat hatte nie geplant, Unternehmerin zu werden. Als sie ihre Diplomarbeit schrieb, merkte sie bald, dass sie gerne Projekte realisiert. Im Jahr 2000 erhielt sie erste Aufträge und begann, ihr eigenes Geschäft aufzubauen. Heute ist sie Geschäftsführerin von Ginetta, einer der führenden UX-(User Experience)Agenturen in der Schweiz. Interessanterweise sind zwei Drittel ihrer Mitarbeitenden Frauen – aber nicht, weil sie gezielt nach weiblicher Verstärkung gesucht hätte.

Interview: Melanie Kovacs

Was würdest du dir für einen Jobtitel geben?

Capitaine de Route. Als Radfahrerin finde ich den Titel passend, da die „Capitaine de Route“ für die Teamkoordination und für das Erreichen der gesetzten Ziele verantwortlich ist. Sie ist ein Vorbild, repariert Defekte, startet falls nötig eine Attacke, aber ist sich auch nicht zu schade, einmal Wasserträgerdienste zu leisten.

Wann hat dein unternehmerischer Weg begonnen?

Ich wollte schon früh mein eigenes Geld verdienen, ausziehen und unabhängig sein. Mit 13 spürte ich zum ersten Mal Unternehmergeist, als ich am Kiosk in der Badi Süssigkeiten verkaufte.

Was hat dich dazu veranlasst, mit deiner eigenen Firma zu starten?

Als ich meine Diplomarbeit geschrieben habe, stellte ich fest, dass mir Projektarbeit liegt. Als Allrounderin im Bereich Multimedia Design fand ich mangels vorweisbarer Erfahrung keinen Job, der meine Leidenschaft widerspiegelte. Ich wollte die Kunden selber treffen, Projekte koordinieren und Konzepte erarbeiten. Kurz darauf erhielt ich die ersten Aufträge aus meinem Bekanntenkreis. So fing das an mit meinem eigenen Geschäft.

Was waren deine grössten Herausforderungen bisher?

Zu Beginn war ich sehr unsicher, da ich wenig Erfahrung hatte. Die meisten meiner Kunden waren 20 Jahre älter und männlich, das hat mich anfangs oft eingeschüchtert. In den Verhandlungen war ich damals deshalb etwas zu wenig beharrlich.

Was hast du für Fehler gemacht?

So einige. Zum Beispiel habe ich Aufträge angenommen und durchgeführt, bei denen ich von Anfang an ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte. Heute vertraue ich meinem Gefühl viel stärker. Fehler zu machen ist wichtig für den Lernprozess. Ich bin überzeugt, dass mich alle meine Entscheidungen – ob richtig oder falsch – dahin gebracht haben, wo ich heute stehe. Entscheidungen zu treffen, fällt mir mittlerweile viel leichter, auch wenn manchmal nicht alles bis ins letzte Detail durchdacht ist und immer ein Risiko des Scheiterns mitschwingt: Unternehmertum halt.

Hast du deinen Entscheid, deinen Job zu kündigen, jemals bereut?

Nein.

Was ist dein Ziel mit Ginetta?

Eine Firma aufzubauen, in der ich gerne selbst gerne angestellt wäre. Ich möchte ein Umfeld schaffen, in dem sich Angestellte aufgehoben fühlen, gefordert sind und wachsen können. Ich bin überzeugt, dass Frauen im Management andere Frauen anziehen. Wir haben keine Quote, sondern ein flexibles Arbeitsumfeld, in dem auch Teilzeit möglich ist. Dies wirkt offensichtlich speziell auf Frauen anziehend.

Was motiviert dich?

Lernen erfüllt mich. Viele Dinge waren und sind noch immer ausserhalb meiner Komfortzone; deshalb liebe ich meinen Job.

Hast du ein Vorbild oder einen Mentor?

Viele Leute haben mich inspiriert auf meinem Weg. Da war zum Beispiel der Vorsitzende der Firma, für die ich ein paar Jahre tätig war. Er war Unternehmer. Er hat mir bereits damals gesagt: „Valérie, eines Tages wirst du auch eine Firma führen.“ Ich sagte ihm damals: „Nein, das würde ich mir niemals zutrauen.“

Wie anders wäre dein Weg gewesen als Mann?

Niemand hat mir Hindernisse in den Weg gelegt, weil ich eine Frau bin. Als Jungunternehmer wäre ich wahrscheinlich selbstbewusster gewesen – aber ich bin sehr gerne Frau.

Wie machen wir den Technologiesektor attraktiver für Frauen?

Erstens: Es braucht mehr Frauen in Führungspositionen als Vorbilder für angehende weibliche Leader. Frauen verstehen Stärken, Anforderungen und Erwartungen von Frauen intuitiver und können diese besser miteinander in Einklang bringen.

Zweitens: Indem wir ein Arbeitsumfeld schaffen, wo sich Frauen wohlfühlen, auch und gerade wenn sie Familie haben. Dazu gehört erstens, auch mal andere Themen als die Arbeit anzusprechen. Wir können nicht den Kopf abstellen, sobald wir ins Büro kommen. Zweitens: Der Arbeitsplatz sollte sauber sein, da sich Frauen oft verantwortlich fühlen, aufzuräumen. Zu guter Letzt: Neben dem Bier im Firmenkühlschrank sollte Prosecco liegen.

Welche drei Ratschläge würdest du einer angehenden Unternehmerin mit auf den Weg geben?

  1. Habe keine Angst – es gibt für alles eine Lösung.

  2. Höre auf dein Bauchgefühl, wenn du eine Entscheidung triffst – es geht nicht immer um Fakten und Zahlen.

  3. Sei Feuer und Flamme für das, was du tust – es braucht Leidenschaft, um den nötigen Mut und den Durchhaltewillen zu behalten.

Weiterführende Infos: ginetta.net

Valérie Vuillerat ist eine von 27 Unternehmerinnen, die Aspire im Rahmen der Ausstellung „visual stories of female entrepreneurs“ interviewt hat. Mit der Fotoausstellung wurde am 14. Mai 2014 erfolgreich die Organisation Aspire ins Leben gerufen, Bewusstsein für den Karriereweg Unternehmerin geschaffen und Rollenmodelle aufgezeigt. Aspire möchte mit Workshops, Mentoring und Events angehende Unternehmerinnen unterstützen.

Das Interview ist in der GIRLS DRIVE Ausgabe 6 (Herbst 2014) erschienen.

Foto: Foto: Daniel Espinoza

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